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Am Bahnsteig

Carolin Pedoth
Juni 09, 2026

Am Bahnsteig erwarteten mich mein Partner und ein kleiner, fröhlicher Junge, der übermütig an der Hand seines Papas herumturnte.

Das war unser Beginn. 

Der Beginn von uns dreien und dem, was man als Patchwork bezeichnet.

Aber vor allem war es der Beginn unseres Weges. Zu erfahren was es bedeutet, wenn systemische Felder in die Ordnung kommen.

Eine Frage der Werte

Seit unserer Bahnsteig Begegnung im Jahr 2019 waren wir an jedem Wochenende zu dritt unterwegs.

Es gab eine Zeit des Kennenlernens.

Und eine Zeit des Zusammenwachsens, die auch davon geprägt war, wahrzunehmen, was die Herausforderungen am Patchwork sind.

Jeder Mensch bringt seine Geschichte mit. Hat Prägungen erfahren, über die vielleicht nicht bewusst gesprochen wird, die aber spürbar und energetisch da sind.

Beispiel: Unterschiedliche Werte.

Mir ist das gemeinsame Essen am Tisch wichtig, für meinen Partner und den kleinen Mann sind es andere Dinge. 

Jeder hat das in seiner Ursprungsfamilie gelernt und verhält sich danach. 

So wie an unserem Esstisch, wo mein Partner in gefühlt 3 Sekunden alles aufgegessen und der kleine Mann anfangs mehr auf oder unter dem Tisch gelegen ist, als gegessen hat.

Was dann hilft sind Kompromisse.

Und das Verständnis, dass unterschiedliche Werte in verschiedenen Familien unterschiedlich gelebt werden.

Und manchmal setzten wir Erwachsene Grenzen, weil sonst die Grenzen anderer verletzt worden wären.

Und manchmal, – nein eigentlich jeden Sonntagabend, nachdem der kleine Mann wieder bei seiner Mama war, haben wir reflektiert, was wir besser machen können. Mal mit einem Lächeln oder Tränen in den Augen.

Zwischen Wutanfällen, Geschichten vorlesen, Spaghetti kochen, Ermutigungen und Trost, Klettergerüsten und Rodelausflügen sind wir über die Jahre zusammen gewachsen.

Und haben allerhand gemeistert.

Darum würde ich sagen, wir sind (mit Kindern), vom Level her im Mittelfeld eingestiegen.

Und mein Mann würde sagen – in der Champions League angekommen.

Familie als System

Ein Merkmal unserer Patchwork Familie ist, dass ich meinen neuen Freund von Anfang an nicht nur als Partner, sondern auch in seiner Rolle als Papa kennen gelernt habe.

Darum wusste ich schon bald – hey, des mocht er volle super, i konn mir guat vorstelln mit ihm Kinder zu hobn.

Und so kamen unsere drei gemeinsamen Kinder hinzu und diese Decke, die als Patchwork bezeichnet wird, wurde um einige Flicken größer.

Auch war es bei uns so, dass es seit die Kinder da sind, einen stärkeren Austausch mit den anderen Familien unseres Verwandtschaftskreises gibt.

So auch mit dem Familiengefüge im Vinschgau.

Über die Jahre hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, nicht anerkannt zu sein. Was mich zur Frage führte:

Ich bin die zweite Frau meines Mannes, was ist mein Platz im systemischen Feld?

Die Plätze im systemischen Feld

Unser systemisches Feld ist groß.

Energetisch zeigt es sich als überschneidende Kreise, mit Schnittflächen, die sich berühren.

Da gibt es das energetische Feld meiner eigenen Familie mit unseren gemeinsamen Kindern.

Und wenn der Sohn meines Mannes bei uns ist, erweitert sich unsere Familie und er gehört dazu.

Dann gibt es das Feld meiner Ursprungsfamilie.

Das Feld der Ursprungsfamilie meines Mannes.

Und das Feld meines Mannes und seiner Ex Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn.

Systemische Unordnung

Lange Zeit habe ich mich gefragt, wo mein energetischer Platz in diesem großen Gefüge ist. Spürte ein Unbehagen, das sich in komischen Situationen mit Familienmitgliedern zeigte.

Ich, als die „neue“ Frau meines Mannes, fühlte mich nur bedingt anerkannt.

Da ich weiß, dass es für alles eine Ordnung gibt, stellte ich mir 2 Frage:

Wie kann ich meinen Platz im systemischen Gefüge einnehmen?

Und wie kann ich anerkennen, dass ich nur bedingt anerkannt bin?

Game Changer

Vor einer Woche habe ich eine langjährige Freundin um eine Behandlung mit der Auraarbeit gebeten.

Im Falle eines systemischen Themas gibt es zwei Möglichkeiten: eine (gute) Familienaufstellung besuchen. Oder die systemische Energiearbeit, ein Teilbereich der Auraarbeit, die in meinen Behandlungen Anwendung finden.

Überrascht war ich dann doch von der Größe des Themas.

Das was sich bei mir durch diese Behandlung in Bewegung setzte, hat innere Welten verändert.

Durch die systemische Energiearbeit konnte ich in wirklichen Frieden kommen.

Das ist gut zu wissen, denn nicht immer können wir das Außen verändern. Unser Inneres schon.

Nach Jahren habe ich meinen Platz im Familiengefüge und meinen Platz in Bezug zu den Familien im Vinschgau eingenommen.

Und bin in Frieden mit dem Platz, den die Ex Frau meines Mannes einnimmt. 

Dass jeder Mensch in diesem System seinen Platz hat, ist nicht nur Wissen, sondern Wahrheit geworden.

Auch, dass alle Systeme miteinander verbunden sind.

Wie der Mikrokosmos im Makrokosmos. Sternenhimmel und Sonnen.

Und das vielleicht Wichtigste: Welche Bedeutung sich die Menschen untereinander geben bzw. was die einzelnen Menschen daraus machen, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.

Denn wie wir unsere Beziehung zu einem Familienmitglied gestalten, ist unsere Entscheidung. Ob das wertschätzend und humorvoll, oder unachtsam und manipulativ ist. Gefärbt durch die Brille unserer persönlichen Lebenserfahrungen, Stärken und Defiziten. Sind wir am Ende alle eins: Menschen.

Wurzelgefühle

In Frieden damit zu sein, nur bedingt anerkannt zu werden, ist ein schönes Gefühl.

Es öffnet den Raum, um den Blick auf das zu lenken, was an Positivem da ist.

Und bringt Gelassenheit, Mitgefühl und Stabilität.

Und so wende ich mich nun dem zu, was wirklich wichtig ist.

Der Liebe, dem Vertrauen und dem Humor in unserer kleinen großen Familie.

Und noch wichtiger: Dir, du kleiner, jetzt schon so großer Mann.

Die Samen der Liebe sind gesät.

Die Momente, in denen wir zusammen Geborgenheit und Mitgefühl gelebt haben.

Die Geduld, die du mich gelehrt hast. Zu warten: Kommst du auf mich zu, oder auch nicht.

Die beständige Wiederholung: Wir sind für dich da, weil wir dich lieb haben.

Wie meine Tochter, die uns beim Buch vorlesen auf der Couch alle zudeckt. 

Und unser Ritual, die Gurken zu schälen und aufzuschneiden.

Es sind Momente an die sich unser Herz erinnert.

Darin sind wir verwurzelt, daran sind wir gewachsen.

Darum birgt dieses Etwas, das sich Patchwork nennt, neue Möglichkeiten.

Wie das Innere Arbeiten an sich selbst.

Vorausgesetzt man lässt sich darauf ein.

Um Frieden zu finden.

Am Bahnsteig, im Sonnenuntergang.

Und zu wissen: die Samen der Liebe werden wachsen.