Zurück Persönliches

Bruder Herz

Carolin Pedoth
Mai 15, 2026

Hoi Marc,

wir sind noch da.

Du hast uns hier zurück gelassen.

Das hat mir bewusst gemacht: Noch nie ist mir die Bedeutung der Zeit hier auf Erden so bewusst gewesen, wie jetzt.

Und das ist wohl das größte Geschenk:

Zu erkennen, wie lebendig das Leben ist.

Und unsere Lebendigkeit mit Leben zu füllen.

TRAUER

Es sind jetzt Wellen der Traurigkeit da, aber sie platschen nicht über mir zusammen. 

Glaube, Spiritualität oder einfach Fühlen: Ich bin dankbar, dass ich mit meinen Händen, in der Arbeit mit Menschen, einen Bruchteil dessen erahnen darf, was die Seele ist.

Sodass ich weiß: Hinter den Schleiern, bist du auf dem Weg in das Licht, den Frieden.

Und trotzdem ist es für mich das erste Mal, eine Trauer in dieser Tiefe zu erfahren. 

SEHNSUCHT

Marc, du bist der erste meiner Lieblingsmenschen, den ich von heute auf morgen verabschieden muss.

Vom 11. Oktober an kann ich sagen: Ich habe eine Schwester. Aber nicht mehr: Ich habe einen Bruder.

Die Trauer dich nicht mehr zu haben, überkommt mich im Alltag ganz plötzlich: Beim Bäcker, beim Autofahren oder Zähne putzen.

Bringt mir der Kellner einen Kaffee, möchte ich ihm sagen: woasch, mein Bruader isch nimmer do. So als würde das Aussprechen diese Tatsache handhabbar machen.

Und weil ich die Sehnsucht in mir spüre. Etwas in mir, das dich im Außen sucht. Meint, dich als Mann mit Sonnenbrille am Steuer eines Mercedes Lieferwagens zu erkennen.

Meint, dir noch dieses und jenes erzählen zu müssen.

Es sind die goldenen Bänder zwischen den Herzen der Menschen. Unseres ist gerade gerissen. Langsam wickle ich die Schnur ein. Und langsam darf die Sehnsucht heilen.

BRUDER

Wir waren Bruder und Schwester.

Du hast mich wirklich oft genervt. Und hast mich oft zum Lachen gebracht.

So viele Erinnerungen, die Stück für Stück einen Platz in meinem Herzen bekommen.

Momente meiner Kindheit mit meinem großer Bruder. Der erste Schnee, die Maisstauden in Mamas Blumenkübeln, Lattella trinken, die Buche im Gandler Wald, die unsere Inizialen trägt.

So viele Südtiroler Orte tragen eine Erinnerung. Manchmal schmerzt es so sehr, dass ich am liebsten auf einen Gipfel steigen und der ganzen Welt erzählen würde, auf welchen Bergen wir schon zusammen waren.

STILLE

Seit dem 11. Oktober ist vieles anders.

Ab diesem Datum und ganz unerwartet kam die Stille.

Ich habe wirklich nicht damit gerechnet. Denn die Trauer vermutet man ja, aber diese plötzliche Ruhe?

Der ganze Lärm in meinem Kopf, mein innerer Dialog, die To Do Listen – plötzlich ist all das verstummt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, und das Volumen auf Mute gestellt. 

Plötzlich war es in mir still und führte mich in einen Zustand von stillem Gewahrsein.

Mit der anschließenden Erkenntnis: die ganzen Alltagsprobleme sind irrelevat.

Was ist dieses weiße Rauschen in Anbetracht der wirklich großen, existenziellen Fragen. Als hätten sich die Alltagsprobleme selbst enttarnt, als das, was sie vermutlich vorher schon waren: relativ.

Seitdem schwingt diese Ruhe in mir. Schaukelt in mir als gleichmäßige Welle, sanft wie das Meeresrauschen, Welle für Welle. Die Brandung, ob auf Sand oder auf Fels, ändert nichts an der Welle. Die in sich die beständige Kraft, angebunden an Millionen von Wassertropfen, in ihrem Entstehen und Vergehen, stets der Ozean ist. Ganz egal, woher der Wind auch weht. Und ich spüre: In diesem Wasser werde ich nicht untergehen. Es wird mich immer tragen.

DANKBARKEIT

Danke Marc, für unser letztes Telefongespräch.

Es war ein Gespräch, wie früher oft. Den genauen Inhalt weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich an ein gutes Gefühl. Es waren unsere letzten Worte und die lege ich sanft in mein Herz.

Dankbar bin ich auch, dass ich dich in deinen letzten Stunden begleiten durfte.

Und dankbar auch, dass ich deinen Körper nochmals sehen durfte, um zu realisieren, dass es wirklich so ist.

Dankbar bin ich auch für die vielen Menschen, die aus dem Herzen heraus für meine Familie und mich da waren. Und auch hier hat sich vieles neu geordnet: So viele Menschen waren mitfühlend, haben Zeit, Kuchen, Gemüsestrudel und Äpfel geschenkt.

Ich wusste nicht, dass mich eine Kiste mit Äpfeln so berühren kann.

So ist das also.

BABA

Ich habe dich lieb, großer Bruder, und daran wird auch die Zeit nichts ändern.

Wir können sagen, dass dein Tod plötzlich kam.

Wir können sagen, das stimmt und stimmt nicht.

Bis zuletzt hatten wir Hoffnung.

Und mussten dich dann letztlich gehen lassen, im Krankenhaus von Trient, wo sie sich so um dich bemüht hatten.

Die Buddhisten sagen, die Seele wählt selbst, wann sie geht.

Und wie eine Schablone legt sich diese Wahrheit über deinen letzten Tag.

Ungläubig fragend, wie der Mensch Marc, so etwas gewollt haben kann – nicht mehr da zu sein. Absurd.

Erkennend, dass das nicht wichtig ist. Denn da, wo du jetzt bist, ist so vieles von dem, was uns beschäftigt, einfach nicht mehr wichtig.

LEBEN

Liebes Leben,

Wir sind nicht auf der Erde, um zu leiden oder zu kämpfen.

Wir sind da, um unser Leben mit unserem Licht zu erfüllen.

Wir sind da, um unser Leben in Lebendigkeit, Freude und Liebe zu leben.

Dein Tod hat mir die Lebendigkeit meines Lebens bewusst gemacht. 

Dieses Leuchten der Lebendigkeit sehe ich jeden Tag, wenn ich in die Augen meiner Kinder schaue, denen ich von dir, Bruderherz, erzählen werde.

Du bist nicht mehr bei uns.

Doch das Leben ist es.

Die Farben des Herbstes sind strahlender, die Schokolade süßer und die Liebe leuchtender geworden.

Und so schließt sich der Kreis.

Ich werde nicht vergessen, was du uns geschenkt hast.

In Liebe,

deine kleine Schwester Carolin